Ein Multiplikator verdichtet eine Bewertung in eine Zahl: schnell zu berechnen, leicht zu vergleichen. Genau darin liegt das Risiko. Hinter jedem KGV stecken Annahmen über Wachstum, Risiko und Zins, die man nicht sieht, wenn man nur die Zahl anschaut. Multiplikatoren sind Werkzeuge in einem Werkzeugkasten, keine Urteile.
Was das KGV misst
Kehrwert: Gewinnrendite = Gewinn je Aktie ÷ Aktienkurs = 1 ÷ KGV
Ein KGV von 15 heißt: Ich zahle das Fünfzehnfache des aktuellen Jahresgewinns. Für einen Controller liegt die Übersetzung nahe — bei gleichbleibendem Gewinn ist das KGV die Amortisationsdauer in Jahren. Wichtig ist, welcher Gewinn gemeint ist: der des letzten Jahres, eine Prognose für das nächste, berichtet oder um Sondereffekte bereinigt. Zwei KGV sind nur vergleichbar, wenn sie denselben Gewinn meinen.
Die Gewinnrendite: das KGV in Prozent
Aussagekräftiger als das KGV selbst ist oft sein Kehrwert. Die Gewinnrendite lässt sich direkt mit dem risikolosen Zins vergleichen — und zeigt, wie viel Wachstum der Preis bereits voraussetzt.
Bei einer Anleiherendite von rund 5 % liegt die Schwelle bei einem KGV von 20: Darüber verdient die Aktie heute weniger als die sichere Anleihe und muss den Rückstand über Wachstum aufholen. Das ist kein Verbot, aber eine klare Frage an jede Bewertung: Wie viel Wachstum ist im Preis schon enthalten? Woher der Zins in dieser Rechnung kommt, beschreibe ich im Artikel zur Zinskurve.
Welcher Gewinn? Das gemischte KGV
Das KGV auf den letzten Jahresgewinn veraltet mit jedem Monat, das KGV auf die Schätzung des laufenden Jahres beruht auf einer Prognose. Ein gemischtes KGV verbindet beides: Mit jedem Monat nach dem Geschäftsjahresende verschiebt sich die Gewinnbasis um ein Zwölftel vom letzten Ist-Gewinn zur aktuellen Schätzung. Sechs Monate nach Jahresende zählen beide zur Hälfte. So bleibt die Kennzahl über das Jahr vergleichbar, ohne sich ganz auf Analystenschätzungen zu verlassen. Der Fairer-Wert-Rechner rechnet genau so.
Wachstum einrechnen: PEG und Grahams Faustformel
Ein hohes KGV kann gerechtfertigt sein, wenn die Gewinne schnell wachsen. Das PEG-Verhältnis setzt beides ins Verhältnis: KGV geteilt durch die erwartete Wachstumsrate in Prozent. Ein PEG um 1 gilt bei wachstumsstarken Unternehmen als fair — ein KGV von 20 bei 20 % Wachstum also ebenso wie ein KGV von 12 bei 12 %. Daraus leite ich meinen Maßstab für den fairen KGV ab: höchstens 15 für Unternehmen mit bis zu 15 % Wachstum, darüber ein KGV in Höhe der Wachstumsrate. Die 15 sind ein Deckel, kein Boden: Bei hohem Zins sinkt der faire KGV auf 100 ÷ (risikoloser Zins + Aufschlag) — bei 5 % Anleiherendite und 2,5 Punkten Aufschlag auf 13,3. Der Aufschlag ist eine Ermessensgröße; der Fairer-Wert-Rechner lässt ihn offen.
Benjamin Graham, ursprüngliche Fassung: innerer Wert ≈ Gewinn je Aktie × (8,5 + 2 × Wachstum in %)
Beide Regeln taugen als Plausibilitätsprüfung, nicht als Bewertung. Sie setzen voraus, dass das Wachstum anhält, und sie ignorieren, wie viel Kapital es kostet. Ein Unternehmen, das 10 % wächst und dafür jeden verdienten Euro reinvestieren muss, ist weniger wert als eines, das dasselbe Wachstum mit der Hälfte schafft — der Unterschied steckt in der Kapitalrendite.
Wo das KGV in die Irre führt
- Zyklische Unternehmen: Das KGV ist am niedrigsten, wenn die Gewinne ihren Höhepunkt erreichen — also oft kurz vor dem Rückgang. Hier helfen Durchschnittsgewinne über einen Zyklus.
- Sondereffekte: Ein Verkaufsgewinn oder eine Abschreibung verzerrt den Jahresgewinn. Erst bereinigen, dann rechnen.
- Verluste: Ein negatives KGV ist bedeutungslos; dann tragen nur Umsatz- oder Cashflow-Größen.
- Verschuldung: Zwei Unternehmen mit gleichem KGV können sehr unterschiedlich riskant sein. Das Verhältnis von Unternehmenswert zu EBIT berücksichtigt die Schulden mit.
Die übrigen Werkzeuge im Kasten
| Multiplikator | Formel | Sinnvoll bei |
|---|---|---|
| KCV | Kurs ÷ operativer Cashflow je Aktie | hohen Abschreibungen, wenn der Gewinn die Zahlungskraft unterzeichnet |
| KUV | Kurs ÷ Umsatz je Aktie | Verlustphasen und jungen Unternehmen — nur mit Blick auf die Marge |
| KBV | Kurs ÷ Buchwert je Aktie | Banken und anlageintensiven Betrieben; schwach bei immateriellen Werten |
| EV/EBIT | Unternehmenswert inkl. Schulden ÷ operatives Ergebnis | Vergleichen unterschiedlich finanzierter Unternehmen |
Kein Multiplikator reicht allein. Ich vergleiche jede Zahl mit der eigenen Historie des Unternehmens und mit direkten Wettbewerbern, und ich nutze sie als Einstieg in die Frage, die am Ende zählt: Welche künftigen Gewinne bezahle ich mit diesem Preis?
Grundlagen: B. Graham: The Intelligent Investor und Security Analysis (ursprüngliche Bewertungsformel); A. Damodaran: The Dark Side of Valuation; Anleiherendite nach Federal Reserve H.15 (FRED-Reihe DGS10), Stand Mitte September 2026.