freebirdcapital
Thema BewertungStand 10/2026

Das Kurs-Gewinn-Verhältnis richtig lesen

Der bekannteste Multiplikator in drei Übersetzungen: als Amortisationsdauer, als Gewinnrendite und im Verhältnis zum Wachstum — und wo er in die Irre führt.

KGV 15
= 6,7 % Gewinnrendite
KGV 20
Schwelle zur Anleihe bei rund 5 %
PEG 1
Faustregel für Wachstumswerte
Warum Multiplikatoren so beliebt sind — und so gefährlich

Ein Multiplikator verdichtet eine Bewertung in eine Zahl: schnell zu berechnen, leicht zu vergleichen. Genau darin liegt das Risiko. Hinter jedem KGV stecken Annahmen über Wachstum, Risiko und Zins, die man nicht sieht, wenn man nur die Zahl anschaut. Multiplikatoren sind Werkzeuge in einem Werkzeugkasten, keine Urteile.

Was das KGV misst

Kurs-Gewinn-Verhältnis KGV = Aktienkurs ÷ Gewinn je Aktie

Kehrwert: Gewinnrendite = Gewinn je Aktie ÷ Aktienkurs = 1 ÷ KGV

Ein KGV von 15 heißt: Ich zahle das Fünfzehnfache des aktuellen Jahresgewinns. Für einen Controller liegt die Übersetzung nahe — bei gleichbleibendem Gewinn ist das KGV die Amortisationsdauer in Jahren. Wichtig ist, welcher Gewinn gemeint ist: der des letzten Jahres, eine Prognose für das nächste, berichtet oder um Sondereffekte bereinigt. Zwei KGV sind nur vergleichbar, wenn sie denselben Gewinn meinen.

Die Gewinnrendite: das KGV in Prozent

Aussagekräftiger als das KGV selbst ist oft sein Kehrwert. Die Gewinnrendite lässt sich direkt mit dem risikolosen Zins vergleichen — und zeigt, wie viel Wachstum der Preis bereits voraussetzt.

Kurve der Gewinnrendite in Abhängigkeit vom KGV mit Vergleichslinie der zehnjährigen US-Staatsanleihe
Gewinnrendite als Kehrwert des KGV. Gestrichelt die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen Mitte September 2026. Eigene Darstellung.

Bei einer Anleiherendite von rund 5 % liegt die Schwelle bei einem KGV von 20: Darüber verdient die Aktie heute weniger als die sichere Anleihe und muss den Rückstand über Wachstum aufholen. Das ist kein Verbot, aber eine klare Frage an jede Bewertung: Wie viel Wachstum ist im Preis schon enthalten? Woher der Zins in dieser Rechnung kommt, beschreibe ich im Artikel zur Zinskurve.

Welcher Gewinn? Das gemischte KGV

Das KGV auf den letzten Jahresgewinn veraltet mit jedem Monat, das KGV auf die Schätzung des laufenden Jahres beruht auf einer Prognose. Ein gemischtes KGV verbindet beides: Mit jedem Monat nach dem Geschäftsjahresende verschiebt sich die Gewinnbasis um ein Zwölftel vom letzten Ist-Gewinn zur aktuellen Schätzung. Sechs Monate nach Jahresende zählen beide zur Hälfte. So bleibt die Kennzahl über das Jahr vergleichbar, ohne sich ganz auf Analystenschätzungen zu verlassen. Der Fairer-Wert-Rechner rechnet genau so.

Wachstum einrechnen: PEG und Grahams Faustformel

Ein hohes KGV kann gerechtfertigt sein, wenn die Gewinne schnell wachsen. Das PEG-Verhältnis setzt beides ins Verhältnis: KGV geteilt durch die erwartete Wachstumsrate in Prozent. Ein PEG um 1 gilt bei wachstumsstarken Unternehmen als fair — ein KGV von 20 bei 20 % Wachstum also ebenso wie ein KGV von 12 bei 12 %. Daraus leite ich meinen Maßstab für den fairen KGV ab: höchstens 15 für Unternehmen mit bis zu 15 % Wachstum, darüber ein KGV in Höhe der Wachstumsrate. Die 15 sind ein Deckel, kein Boden: Bei hohem Zins sinkt der faire KGV auf 100 ÷ (risikoloser Zins + Aufschlag) — bei 5 % Anleiherendite und 2,5 Punkten Aufschlag auf 13,3. Der Aufschlag ist eine Ermessensgröße; der Fairer-Wert-Rechner lässt ihn offen.

Zwei Faustregeln PEG = KGV ÷ erwartetes Gewinnwachstum in %

Benjamin Graham, ursprüngliche Fassung: innerer Wert ≈ Gewinn je Aktie × (8,5 + 2 × Wachstum in %)

Beide Regeln taugen als Plausibilitätsprüfung, nicht als Bewertung. Sie setzen voraus, dass das Wachstum anhält, und sie ignorieren, wie viel Kapital es kostet. Ein Unternehmen, das 10 % wächst und dafür jeden verdienten Euro reinvestieren muss, ist weniger wert als eines, das dasselbe Wachstum mit der Hälfte schafft — der Unterschied steckt in der Kapitalrendite.

Wo das KGV in die Irre führt

  1. Zyklische Unternehmen: Das KGV ist am niedrigsten, wenn die Gewinne ihren Höhepunkt erreichen — also oft kurz vor dem Rückgang. Hier helfen Durchschnittsgewinne über einen Zyklus.
  2. Sondereffekte: Ein Verkaufsgewinn oder eine Abschreibung verzerrt den Jahresgewinn. Erst bereinigen, dann rechnen.
  3. Verluste: Ein negatives KGV ist bedeutungslos; dann tragen nur Umsatz- oder Cashflow-Größen.
  4. Verschuldung: Zwei Unternehmen mit gleichem KGV können sehr unterschiedlich riskant sein. Das Verhältnis von Unternehmenswert zu EBIT berücksichtigt die Schulden mit.

Die übrigen Werkzeuge im Kasten

MultiplikatorFormelSinnvoll bei
KCVKurs ÷ operativer Cashflow je Aktiehohen Abschreibungen, wenn der Gewinn die Zahlungskraft unterzeichnet
KUVKurs ÷ Umsatz je AktieVerlustphasen und jungen Unternehmen — nur mit Blick auf die Marge
KBVKurs ÷ Buchwert je AktieBanken und anlageintensiven Betrieben; schwach bei immateriellen Werten
EV/EBITUnternehmenswert inkl. Schulden ÷ operatives ErgebnisVergleichen unterschiedlich finanzierter Unternehmen

Kein Multiplikator reicht allein. Ich vergleiche jede Zahl mit der eigenen Historie des Unternehmens und mit direkten Wettbewerbern, und ich nutze sie als Einstieg in die Frage, die am Ende zählt: Welche künftigen Gewinne bezahle ich mit diesem Preis?

Grundlagen: B. Graham: The Intelligent Investor und Security Analysis (ursprüngliche Bewertungsformel); A. Damodaran: The Dark Side of Valuation; Anleiherendite nach Federal Reserve H.15 (FRED-Reihe DGS10), Stand Mitte September 2026.

Dieser Beitrag dient der Information und Bildung. Er ist keine Anlageberatung und keine Empfehlung, bestimmte Wertpapiere zu kaufen oder zu verkaufen. Modellrechnungen vereinfachen bewusst; vergangene Entwicklungen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Ergebnisse.
David Krause
David Krause
Dipl.-Wirtschaftsingenieur (FH), 15+ Jahre Kalkulation, Kostenrechnung und Werkscontrolling in der Fertigung. Rechnet hier dieselben Fragen von außen: Was verdient ein Unternehmen auf sein Kapital, und was darf es kosten?