Ein Spekulant setzt darauf, dass jemand anderes später mehr bezahlt. Ein Investor kauft einen Anteil an einem Geschäft und lebt von dem, was dieses Geschäft verdient. Alles auf dieser Seite folgt der zweiten Haltung — mit einem Werkzeugkasten, den ich aus dem Controlling kenne: Was verdient das Kapital, was kostet es, und was ist der Betrieb unter nüchternen Annahmen wert?
Grundhaltung
Value Investing heißt, Anteile an guten Unternehmen zu kaufen, wenn ihr Preis unter ihrem inneren Wert liegt — dem Barwert dessen, was sie ihren Eigentümern künftig erwirtschaften. Das Prinzip ist in einem Satz erklärt und in der Praxis schwer durchzuhalten, weil die Hindernisse selten fachlicher Natur sind. Vier davon habe ich mir aufgeschrieben:
- Nur Geld anlegen, das nicht gebraucht wird. Wer auf seine Anlagen angewiesen ist, kann in einem Kursrückgang nicht rational entscheiden. Jede Anlageklasse fällt im Lauf eines Anlegerlebens irgendwann um die Hälfte oder mehr. Der Notgroschen liegt deshalb außerhalb des Depots.
- Mit Phasen rechnen, in denen die Methode hinterherläuft. In Übertreibungsphasen schneidet ein wertorientierter Ansatz schlechter ab als der Markt. Das ist kein Fehler der Methode, sondern ihr Preis.
- Stimmung ist Information über andere, nicht über das Unternehmen. Die besten Einstiegschancen entstehen, wenn viele verkaufen müssen oder wollen. Wer das weiß, liest einen Kurssturz zuerst als Frage: Hat sich am Geschäft etwas geändert — oder nur am Preis?
- Die meiste Zeit passiert nichts. Viel lesen, vieles verwerfen, selten kaufen, lange halten. Die größte Herausforderung ist, nichts zu tun.
Weil kein innerer Wert auf den Euro genau bestimmbar ist, gehört zu jedem Kauf eine Sicherheitsmarge: der Abstand zwischen Preis und geschätztem Wert, der Fehler in den eigenen Annahmen abfedert. Je unsicherer die Prognose, desto größer muss die Marge sein.
Der Prozess
Mein Regelwerk
Regeln schützen vor den eigenen Stimmungen. Diese hier gelten für mein Einzelaktiendepot. Sie sind eine Beschreibung meines Vorgehens, keine Empfehlung für andere.
| Regel | Inhalt | Warum |
|---|---|---|
| Qualität zuerst | Unternehmen mit langer, ununterbrochener Dividendenhistorie; Listen langjähriger Dividendensteigerer als Ausgangspunkt fürs Screening | Eine jahrzehntelange Dividendenhistorie ist ein harter Beleg für stabile Ertragskraft |
| Preis vor Kauf | Kauf nur zum oder unter dem fairen Wert — ermittelt aus Gewinnwachstum und einem fairen KGV von höchstens 15, der mit steigendem Zins sinkt | Der Einstiegspreis entscheidet über die Rendite (Zwei Schlüssel, Rechner) |
| Dividendenrendite ≥ 3 % beim Kauf | als zusätzlicher Filter gegen überteuerte Einstiege; im Freebird-Rating zusammen mit dem Dividendenwachstum gegen den risikolosen Zins gemessen | Eine hohe Anfangsrendite ist bei soliden Unternehmen meist ein Bewertungssignal |
| Dividende muss gedeckt sein | Ausschüttungsquote am Gewinn und am freien Cashflow; es zählt der schlechtere Wert. Bei Immobiliengesellschaften zählt allein die Quote auf den AFFO. Schwellen je Sektor im Freebird-Rating | Eine Dividende wird aus der Kasse gezahlt, nicht aus dem Gewinn |
| Ausnahme mit Grenze | Herausragende Qualität auch zum fairen Preis — nie deutlich darüber | Die besten Unternehmen sind selten billig, aber manchmal fair bewertet |
| Steuern mitrechnen | US-Quellensteuer von 15 % mit dem Formular W-8BEN; anrechenbar, geht aber innerhalb des Sparerpauschbetrags verloren | Nettorendite zählt, nicht Bruttorendite (Rechner) |
| Handeln nach These | Anlagethese schriftlich; Verkauf bei gebrochener These oder extremer Überbewertung, nicht bei Kursrückgang | Trennt Befund von Stimmung |
Keine Kursprognosen, kein Markttiming, keine Hebelprodukte, keine Käufe auf Kredit. Und keine öffentlichen Kaufempfehlungen für einzelne Aktien: Beispiele auf dieser Seite sind Modellrechnungen und fiktive Unternehmen, keine Tipps.
Die Kennzahlen hinter diesem Prozess beschreibe ich ausführlich im Wissensspeicher: Kapitalrendite (ROIC), immaterielle Vermögenswerte und der Zins als Maßstab.